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Neuzeit Online Social Mechanismen – das eigene Tempo finden Teil 2

Es war einer dieser Tage, an denen ich nun wahrhaftig eine Stunde früher aufgestanden bin. Mich aufraffen wollte, effektiv arbeiten und noch bevor der Kaffee ausgekühlt ist, jegliche offene Punkte abgearbeitet haben wollte. Nun stand ich da und stellte den abgespülten Becher auf das Abwaschbecken, meinen Lieblings Duft in der Nase und bereit, um mich nun noch mit zerzaustem Haar anzukleiden. Schrank auf, Schrank zu. Weder mein Lieblingspullover sagte mir zu, noch „mal eine andere Jeans“. Also zog ich meine Hose an, welche ich bereits gestern trug. Und vorgestern.

War das schon der erste Schritt in den alten Trott?

War ich schon hier nicht stark genug, um endlich mal was wieder was zu wagen? Dabei sitzt sie immer so bequem – da war es wieder: Bequemlichkeit. Hatte diese mich schleichend eingenommen und entzog mir wie eine Art Parasit seit Tagen, vielleicht auch Wochen schier unbemerkt meine Energie? 

Mein Blick aus dem Fenster flößte mir bereits Unwohlsein ein. Kahle Bäume, dürre Äste umzogen von Nebelschwaden warnten mich schon vor der Kälte Hamburgs an diesem Morgen. Vielleicht sollte ich mir einen Tee machen. Oder doch erst mal ein Glas Wasser, schließlich hatte ich mir zwischen all´ den Vorhaben auch vorgenommen die Zügel in der Ernährung anzuziehen.

In jedem noch so kleinen Winkel meiner Wohnung entdecke ich Dinge, die ich vielleicht verbessern sollte. Oder noch besser ändern. Und so erwischte ich mich doch in der Tat dabei, wie ich mein heutiges Zeitmanagement so plante, dass ich in den Baumarkt fahren könne, um meine Wände neu zu streichen.

Halt. Stop.

Schon wieder liefen meine Gedanken und daraus entstehenden Wollknäuel in meinem Kopf, als auch in meinem Magen völlig aus dem Ruder und die tobenden Wellen aus immer wieder eingehenden Nachrichten auf meinem Handydisplay schwappten förmlich über.

Aber was sollte ich tun? Ich war bereit, die Stadt der Bequemlichkeit zu verlassen doch hatte ich das Gefühl, die riesige Landkarte, welche mir helfen sollte nicht zu verstehen. Ja, ich hielt sie in den Händen,  haptisch fühlte ich also eine Art Hilfe, doch wie sollte ich losgehen, wenn ich gar nicht wusste, wo ich überhaupt zwischen all´ den bunten Linien und Einzeichnungen stehe.

Vielleicht war das der springende, wohl in diesem Fall eher brach liegende Punkt: Ich hatte die klare Sicht verloren. Stattdessen zweifelte ich. An dem Pullover für den ich mich am Morgen entschieden hatte, an meinem Bauchgefühl, an der Form meiner Fingernägel und der Farbe meines Duschvorhanges. 

Wie reagiert man in solch einer Phase nicht nur den Mitmenschen gegenüber, sondern auch insbesondere sich selbst?

Ursachen erkennen – diese bunten Nachrichten, die immer wieder ein unterschwelliges Gefühl von Forderung mit sich trugen, diese vielen Bilder in diversen Apps, die die Sicht auf eigene Bedürfnisse noch schwerer machten. Weg von Duschvorhängen und Nagelfarben machte ich mir bewusst, ich muss nicht an der Gestaltung meiner Wohnung arbeiten, sondern an der Gestaltung des eigenen Standpunktes. Das eigene Gleichgewicht ist ja immer so eine Sache. Mal rollt die Gleichtgewichtskugel beständig, mal wird sie angestoßen und prallt auf das nächste Etappenziel. Wahrscheinlich war die beschriebene Phase eine genau solche. Doch um die eigene Kugel wieder zu besänftigen ist es nicht von Nöten, sich mit den anderen bunten Perlen auf einem Brett zu vergleichen.

Ruhetag. Auch wenn es mir schwer fällt „Nichts zu tun“, so entstehen bei Tagen voller Ich Zeit selbst bei stundenlangem Kuschel-Socken tragen und Tee ausprobieren neue unsichtbare Dinge. Nämlich neue Zugänge zu sich selbst. Und ja, das Handy einmal ausstellen, sich nicht für die noch offenen 10 Nachrichten im Gruppenchat verantwortlich fühlen, sondern sich der Verantwortung für den eigenen Standpunkt stellen. 

Ich machte mir einen Plan – und zwar nicht mit dem, was ich heute alles noch auf dem Zettel hatte, sondern mit Dingen, die mir gefallen. Bei denen ich mich selber spüre, höre und leiden mag. 

  • ein Bad nehmen bei Kerzenschein
  • die Küchenschränke neu sortieren
  • Hörbücher hören während dem Verzieren von Weihnachtskarten
  • Kreativ sein: Schachteln bekleben, 
  • stundenlanges Durchstöbern von Lebensmittel Läden
  • Backen bei Weihnachtsliedern – ohne Handy 

Wenn es mir nach diesem ersten Schritt nicht nur gelingt Abstand, sondern auch Nähe zu mir selbst zu gewinnen, wusste ich, dass ich in der Lage sein konnte, die Landkarte erneut in die Hand zu nehmen, nicht nur die Legende,sondern auch mich selbst zu verstehen.

Meine Goldende Wanduhr tickt und seit meinem ursprünglich geplanten elanvollen Aufstehen, sind nun schon 3 Stunden vergangen. Gestern hätte ich mich selbst angeklagt, weil ich noch nichts „geschafft habe“. Aber nun war ich fein. Fein mit mir, meinem Tempo und meiner Ansicht, denn: Ich hatte einiges geschafft. Ich hatte mein Handy zur Seite gelegt, mich an der Lieblingshose erfreut und wieder einen Schritt gemacht, indem ich mir einen Plan erstelle, indem ich eine Entscheidung traf, um so einfach es klingt und so schwer es dann doch immer wieder ist : in Bewegung zu bleiben. Weiter zu machen. An mich zu glauben. 

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