Die Reise beginnt im Jahr 2012. Ich befinde mich in einer schwierigen Situation und habe das Gefühl, ich stehe auf einer Lichtung im Wald. Um mich herum lauter Wege, die in alle Himmelsrichtungen entweichen. Die Lichtung ist klein und gemütlich. Im Grunde genommen bietet sie mir alles, was ich benötige und seit langer Zeit ist sie der einzige und schönste Ort für mich. Doch nach und nach erklimmt mich das Gefühl:

Das war einmal.

Denn auch wenn die Lichtung, meine Lichtung, an ihrer Stelle verbleibt, verändern sich die Bäume um sie herum. Sie wachsen und werden immer größer, wodurch sich folglich auch der Lichteinfall und somit die mich wärmenden Sonnenstrahlen verringern. Die Bäume sind über meinen Kopf hinweg immer größer und prächtiger geworden und verhindern Tag für Tag immer mehr, dass das Sonnenlicht einstrahlen kann und mich wärmt, ich wachsen kann, sich Veränderungen auftun.

Es wird dunkel und mir ist kalt. Ich schaue mich um und habe das Gefühl, unter eine Glaskuppel gefangen zu sein auf meiner einst so schönen Lichtung. Ja, ich fühle mich, als sei ich gefangen unter ihr und ich bekomme weder frische Luft, noch Sonne um wachsen zu können.
Ich bin dünn. Haut und Knochen. Alle Kleidungsstücke an mir sehen toll aus, ja ich kann alles kaufen und mich hübsch mit ihnen behängen. Doch sie leben nicht an mir. Unter meiner Glaskuppel versuche ich schön zu sein, für die Menschen um mich herum, die mich betrachten. So schön die Kleider sind, die an mir hängen, sieht mich niemand und die eigentlich verzweifelten Hilfeschreie in meinem Innersten bleiben unerhört.

Ich bin gefangen – es ist keine Rettung in Sicht.

Besonders nicht von der Person, die mir zu dieser Zeit mit am meisten bedeutet. So sehr ich mich bemühe die Perfektion und Harmonie verzweifelt zu bewahren, sie sieht mich an und geht vorbei. Meine Kleidung ist schön, das Äußere, die Hülle. Ich selber nicht. In meinem Innersten herrschen Selbstzweifel und Enttäuschung, die ich nach nächtelangem Weinen zaghaft versuche wegzulächeln. So bleiben sie versteckt, die Momente, in denen ich in der Dunkelheit aus purer Verzweiflung weine bis mir die Tränen die Luft abschnüren und dröhnende Stille mich einnimmt.

Ich wage es, die Glaskuppel für einen kurzen Moment zu verlassen und beginne ein Praktikum in einem großen Luxushotel in Düsseldorf. Ja, ich muss gestehen mein Vater hat mich ein wenig dazu überredet, dieses Praktikum anzutreten. Doch nun bin ich hier in dieser konträren Welt aus Kronleuchtern, internationaler Kulturen und bemerke, wie ich beim Polieren des Silberbestecks im Champagner Bistro zwischen wohlhabenden arabischen Gästen Gefallen finde. Nach wenigen Tagen kehre ich aus dieser glamourösen, neuen Welt zur Lichtung unter die Glaskuppel zurück.

Und so sitze ich wieder auf meiner Lichtung – unter dieser riesigen Glocke aus Glas und sehe um mich herum diese Wege, die ich gehen könnte. Ich weiß nicht welcher der Richtige ist. Das einzige, was ich nun tief in mir spüre ist das Verlangen danach, größer zu werden, mich zu verändern. Wie genau kann ich zu diesem Zeitpunkt nicht beschreiben. Ich stehe auf, mache mich bereit und merke, es ist keine Hand da, die versucht mich zurückzuhalten und im gleichen Moment reißt mich die Frage meines Vaters aus der Gedankenwelt: „Und? Wirst du deine Ausbildung in Düsseldorf beginnen?“

Ich stehe an der Weggabelung, denn neben dem Angebot in Düsseldorf besteht ebenso eines aus meiner Heimat gleich in meiner vertrauten „Glas-Glocke“. Ich antworte. Ohne jegliche Überlegung, ohne Pläne oder genaue Herangehensweisen. Rein intuitiv aus meinem eigenen Gefühl im Hier und Jetzt heraus:

Ja.

Und so ist ganz plötzlich der Moment gekommen, in dem ich die Glocke verlasse und ehe ich so richtig überlegen kann oder gar dazu komme Angst zu haben, habe ich mein Leben in die Hand genommen. Einfach so.

An manchen Weggabelungen brauchst du nur dich selbst und deinen Mut. Lasse dich darauf ein. Sag ja, tue es.

Ich bin in Düsseldorf. Neu und Alleine. In einer fremden Wohnung ohne Freunde, Freund und Familie – bereit für den Startschuss. Inmitten einer für mich großen Stadt, an einem neuen Arbeitsplaz mit riesigen Herausforderungen, die tagtäglich meinen Mut aufs Neue testen werden. Ich kenne weder die Straßennamen, noch die S-Bahn-Station an der ich aussteigen muss um zum nächsten Supermarkt zu kommen. Aber ich mache weiter. Und nach kurzer Zeit kommen Tage, an denen mich alte Erinnerungen aus der Glocke einholen. Sie umhüllen mich und reißen mich wortwörtlich zu Boden. Eine verletzte Kriegerin mit tiefen Wunden, die noch immer nicht ganz verheilt sind. Schwach und mit den Tränen, die über die heißten Wangen laufen, sind auch die letzten Funken von Selbstvertrauen ausgespült.

Ich versuche mich abzulenken, einen Ausgleich zu finden zwischen dem Weg früh morgens um 05:30 Uhr zum Dienstbeginn und abendlichen Veranstaltungen, welche mit schillernden Kleidern und Champagner bis tief in die Nacht reichen. Mit einem noch mulmigen Gefühl führt mich mein Weg zu einem Fitnessstudio mit der Mission, nach den vielen Aufopferungen für andere nun ein wenig mehr für mich selbst zu tun, meine Zeit in mich und meine Gesundheit zu investieren. Zu Anfang fällt es mir schwer mich zu motivieren und Zugang zu diesem Sport zu finde, den eigentlich „nur Männer machen“. Doch nach und nach spüre ich, wie dieses Fitnessstudio zu einem Ort der Zuflucht wird. Ganz gleich ob ich glücklich bin oder traurig. Es ist ein „Ort der stillen Gedanken“ und die Übungen, geben nicht nur meinen Muskeln und somit meinem Körper Kraft, sondern vor allem meinen Gedanken.

Mich packt die Faszination, das Miteinander von körperlicher und mentaler Stärke in einem athletischen Körper zu vereinen und zum Ausdruck zu bringen. „Schlechte“ Gedanken und Unsicherheit beseitige ich von nun an mit Krafttraining. Ich forme meinen Körper zu dem, einer Kriegerin. Ich pflege ihn, ernähre ihn. Jedes Training verändert mit der Zeit nicht nur meinen Körper, sondern auch meine Gedankenwelt. Ich beginne, mir weitere Ziele zu setzten – beruflich, privat, körperlich. Und mit meinem Willen und Drang nach Durchhaltevermögen mache ich weiter. Jeden Tag einen Schritt.

Ich werde stärker, athletischer und zuversichtlicher. Ich beschließe, von nun an als anmutige Kriegerin für das zu kämpfen, was ich mir nicht mal in meinen Träumen wagte vorzustellen. Der Sport, das Krafttraining wird meine Stütze und das Gym wie ein zweites zu Hause. Ich spüre, dass die Kontinuität auf lange Sicht hart an meinem Körper zu arbeiten sich auf meine Lebensweise auswirkt. Auf meine Art, für Dinge zu kämpfen, auch wenn es in manchen Sekunden ohne jegliche Aussicht scheint.

Natürlich stellen sich auch hier Schwierigkeiten heraus. Steine, die in den Weg gelegt werden. Menschen, die sich dem was ich tue entgegen stellen. „Das sieht doch aus wie ein Mann, mehr Muskeln bekommst du aber nicht?!“ Doch ich bleibe meiner Begeisterung für diesen Sport und die Arbeit am eigenen Körper treu, schließlich sucht man für sich selbst den Traum aus und umgibt sich mit positiven  Menschen, die diese Mission teilen und dich unterstützen. Negative Kommentare oder konstruktive Kritik dienen als Gedankenanstoß doch dann heißt es im nächsten Augenblick :

den Blick nach vorne richten und die eigene Motivation als Startschuss und Ansporn nutzen.

Es ist 23:30 Uhr und in einer warmen Sommernacht fahre ich mit meinem Rad zum Fitnessstudio. Nach einer langen Schicht brauche ich Zeit für mich. Ich-Zeit. Nur das Training, meine Gedanken und ich. Ich habe starken Gegenwind, doch er ist angenehm warm. Um mich herum ist es dunkel und ich schaue hinauf zum erleuchteten Fernsehturm – dem Wahrzeichen meines neuen Zuhause. Noch im gleichen Moment spüre ich:

Glück. Ich bin glücklich. Angekommen.

Ein Lächeln legt sich auf mein Gesicht und meine Augen füllen sich mit Tränen. Ganz alleine habe ich meinen Platz gefunden und ihn mir nach und nach eingerichtet. Ich habe es geschafft. Raus aus der Glas-Kuppel auf der Lichtung. Ich habe mich ans Licht gekämpft und bin gewachsen. Aus Erfahrungen, aus Rückschlägen, aus eigenen Schritten und vor allem: Mut.

Ich habe nicht auf eine Rettung gewartet, sondern Entscheidungen getroffen. Veränderungen zugelassen und mich für diese geöffnet.

Ich spüre, wie mich diese Gedanken mit neuer Motivation entzünden. Jetzt trete ich noch fester in die Pedale und mit meiner Sporttasche auf dem Rücken verschwinde ich in der Dunkelheit…

 

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