So vergehen Monate und beinahe täglich radel ich meinen Weg entlang dem Rhein-Ufer und mich begleitet stets das knirschende Geräusch meiner Fahrrad-Reifen im Sand der Ufer-Promenade. An manchen Tagen habe ich starken Gegenwind und das Gefühl, trotz des festen Strampelns mit aller Kraft nicht an mein Ziel zu gelangen. An anderen Tagen wiederum gibt mir der Wind so viel Rückendeckung, dass ich beinahe über den Asphalt fliege.

Egal wie der Wind sich auch dreht und wendet, eines bleibt stets beständig: Mein Blick hinauf zum Turm.

Für die Stadt das Wahrzeichen – für mich mein Anker, mein „Zu-Hause-Angekommen-Turm“, mein täglicher Blick nach oben welcher mit stets ein Gefühl von Geborgenheit und Heimat bietet. Egal ob er wolkenverhangen am Morgen oder in der Nacht mit kleinen, bunten Lichtern beleuchtet ist. Selbst aus meinem Bett heraus sehe ich ihn, wie er sich abends im Fenster der Nachbarsfamilie spiegelt. Die vielen roten Lichter. Der Turm ist meine täglich Anlaufstelle und zugleich Blickpunkt, der mich und im selben Moment mein Herz lächeln lässt.

Nach 2,5 Jahren ist die Ausbildung beendet. Mit Freudentränen auf dem Rückweg der Prüfung halte ich das langersehnte und hart erkämpfte Papier meines Ausbildungszeugnis in den Händen. Ich darf mich nicht nur Hotelfachfrau nennen, sondern bin nun auch ein Mitglied des Rezeptions-Team,dem Ort, an dem ich mich während der Ausbildung stets am wohlsten gefühlt habe. Ich liebe meine Arbeit und an manchen freien Tagen fahre ich nach dem morgendlichen Workout im Fitnessstudio wieder meine Route an der Promenade hinauf in mein Hotel, das prachtvolle goldene große zweite Zuhause und sortiere ein paar Meldescheine oder versuche mich an einem konzerninternen Wettbewerb.

Ich habe es geschafft. Ich bin angekommen. Ich bin da.

Ein kühler Herbstabend verdunkelt den Himmel und eröffnet mir einen starken Gegenwind, welcher mir den Regen in mein Gesicht peitscht, so dass ich kaum sehen kann. Die kleinen Regentropfen beißen sich in meine Augen. Mit zersaustem Haar blicke ich -wie soll es auch anders sein- voller Vorfreude in der Hoffnung auf einen Glücksmoment nach oben zum Turm und plötzlich spüre ich: Das sonst so unmittelbar einsetztende Gefühl von Glück und „Zuhause“, es ist nicht da. Und auch wenige Minuten später als ich mit durchnässtem Haar meine Wohnungstüre aufschließe und den vertrauten Geruch rieche, ist es noch immer nicht eingetroffen.Das stille Lächeln. In meinen Ohren fiept die Stille, ich ziehe die Vorhänge zu und mit einem Grübeln lege ich mich zu Bett.

Irgendwas ist anders. Ganz plötzlich, ohne Vorankündigung, ohne Vorahnung. Habe ich etwa alles erlebt? Alles gesehen? Wo sind die Tage, die mich herausfordern – frage ich mich in den darauf folgenden Monaten. Den ganzen Winter über, bis hin zum Frühling versuche ich, meine Tage zu verändern. Das vermisste Gefühl zurückzugewinnen.

An einem warmen Tag im Juni reise ich spontan nach Hamburg.Eigentlich ist mir in meinem Wesen Spontanität oftmals suspekt und nur ungerne verlasse ich geplante Abläufe oder Wege, doch ich beschließe eine weitere Veränderung zuzulassen und reise mit. Nach einer langen Autofahrt erreiche ich an einem Sommerabend die unbekannte Stadt. Viel größere Häuser,neue Straßenecken, nie gesehene Geschäfte,andere Menschen. Noch unsicher bewege ich mich durch Stadt und entlang einer schmalen Kopfsteinpflaster-Gasse erreiche ich den mit Sonne durchleuchteten Jungfernstieg. Zaghaft umfasse ich die Steinmauer der Promenade. Zahlreiche Menschen um mich herum, Verkehr und noch während mit die Wassertropfen der riesigen Fontäne auf die warme Haut spritzen und das grüne Licht der Fußgängerampel monoton in meinem Ohr piept, spüre ich: Da ist was. Es ist wieder da!

Dieses Gefühl, dieses stille Lächeln, welches nicht nur mein Gesicht, sondern auch mein Herz erfüllt. Ich genieße es während mein Blick durch die fremden Gesichter streift und sich das Sonnenlicht im Wasser der Alster glitzernd spiegelt. Die darauf folgenden Tage verbringe ich eine wunderbare und glückliche Zeit. Lange Sommertage, völlig losgelöst von bekannten Pfaden und prall gefüllt mit unendlich vielen Erlebnissen. Ich stehe in der S-Bahn und unter meinem festen Stand bis hin in meine Ohren dröhnt das ratternde Geräusch der Schienen. Zwischen Bäumen und Sonnenblitzen erscheint im Vorbeifahren die Alster mit ihren prächtigen Häusern und Fassaden. Inmitten dieser: das ruhige Wasser, kleine Segelboote – das laute Hupen der Rundfahrtschiffe ertönt und noch im gleichen Moment besiegelt das Lächeln auf meinen Lippen mein Gefühl:

Hier muss ich hin. Das ist mein neuer Platz.

Genau hier möchte ich zu Hause sein – ich spüre es. Und mit dieser Vision in meinem Kopf verlasse ich die Stadt, die Kräne im Hafen verschwinden im abendlichen Sommerlicht. Wieder rattert der Zug über die Gleise und bringt mich zurück zum Turm. Fernweh plagt mich nun täglich und treibt mich an. Noch soeben habe ich den Koffer neben dem Schuhschrank abgestellt, schon beginne ich zu packen, den Kleiderschrank auszumisten und den Sprerrmüll für meine „Keller-Leichen“ zu bestelen. „Ja, Papa, ich weiß noch habe ich keine Stelle geschweige denn eine Wohnung – aber ich mache das jetzt. Ich gehe nach Hamburg“. Ich bin auf einer Mission und mein Wille Hand in Hand mit meinem Mut schützen mich vor Angst und Zweifel.

Fest entschlossen und nichts kann mich aufhalten. Ich habe eine Vision – ich werde es schaffen. 

Während der Job-Suche verreist meine Nachbarin Lisa für einige Monate nach Australien – ich umarme sie lächelnd und verabschiede mich bereits, denn in wenigen Wochen werde ich umziehen – nach Hamburg! Mein Plan geht auf und über einige Umwege, wie soll es auch anders sein, erreicht mich nach schlaflosen Nächten und Tränen des Fernwehs der ersehnte Umschlag mit dem neuen Arbeitsvertrag. Es geht los und mit meinen Umzugskisten und meinem Fahrrad in einem weißen Lieferwagen geht es hinweg über die Weggabelung. Ich habe keine Angst, ich vertraue auf mein Gefühl, welches mich von einer Sekunde auf die andere an der Alster erfasste und bin voller Vorfreude. Weiter auf meiner Reise.

 

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