Ich verlasse meine Wohnung. Es ist Herbst geworden und der kalte Wind zischt zwischen meinen Ohren. Zerzaustes Haar, noch tiefer grabe ich meine Hände in meinen Mantel.

Ich muss weg.

Wohin, das weiß ich nicht. Ich stehe an der Ampel und versuche krampfhaft zu erfahren, wohin ich eigentlich will – beobachtet mich jemand und bemerkt etwa meine Unschlüssigkeit? Das Licht springt auf grün und intuitiv gehe ich nach rechts bis hin zur S-Bahn Station. Ich steige einfach ein. Linie 1 oder 11? Egal, Hauptsache weg. Raus. Bis ans andere Ende der Stadt.

Ich möchte grade nichts entscheiden- ich muss mich treiben lassen.

Ein unauffälliger Platz direkt am Fenster ist frei. Wir fahren endlich los uns wenige Meter später merke ich, wie ich innerlich gegen einen der schlimmsten Kämpfe antreten muss: Mir wird heiß und ich muss weinen aber doch jetzt nicht hier und jetzt. Tief durchatmen. Noch während ich hinausschaue und die Stadt an mir vorbeizieht, wird mein Atem immer schneller und schneller.

Jeder Atemzug treibt weitere Tränen in meine Augen. Im Fensterglas des Abteils schaue ich mich an – dieses ungeschminkte Gesicht und vom Herbstwind zerzauste Haar. Ich sehe schrecklich aus. Hoffentlich sieht mich niemand. Mir wird schlecht und ich kann nicht erkennen, ob es die vorbeirasenden fremden Gesichter sind oder der festsitzende Kloß in meinem Hals ist, unter dem ein reines Gefühlchaos brodelt und aufzukochen scheint.

Nächste Station – ich bleibe sitzen und fahre einfach weiter. Eine Familie steigt ein und die Mutter nimmt ihren Sohn gleich neben mir auf den Schoß. Ich wünsche mir in diesem Moment, dass sich unsere durch die dicken Jacken verpackte Arme berühren.

Ich möchte nicht alleine sein. Oder doch?

An der nächsten Station nehme ich meine Kräfte zusammen und steige aus der hitzigen Bahn aus in einen kalten Bahnhof. Zwischen all´ den hinaufströmenden Menschen stehe ich nun, ohne Mimik, ohne Lächeln auf der Rolltreppe. Keine Kraft um die Stufen zu nehmen. Mein silbernes Perlen-Armband spiegelt sich im Vorbeifahren im Glas und ich versuche mich an diesem eigentlich so hübschen Anblick zu erfreuen und abzulenken.

So streife ich durch die Straßen bis es dunkel wird und ich nach Hause kehre. Ich möchte nicht weinen, ich möchte meinen Tag nicht einfach so „verschenken“ und ihn damit verbracht haben, traurig zu sein und lediglich nachzudenken. Wie ein Zwang, nein mein Wunsch nach Streben, nach Mutig sein, nach „Weitermachen“ wollen diese unschönen Gefühle, die in mir hin und her springen, erdrücken.

Weg. Kopf aus. Kopf an.Und umsetzen, auf positive Gedanken. Nicht schwach sein, sondern durchhalten.

Ich schließe meine Haustüre, die schweren Taschen gleiten von meinen Schultern und im gleichen Moment sinke ich nieder – und bin bereit, mir diesen schwachen Moment, diesen schlechten Tag einzugestehen. Ich höre ein beständiges, dumpfes Klopfen – heiße Tränen fallen auf meinen Schoß. Ich kann wieder durchatmen. Ich glaube, ja, das gehört dazu. In gewissen Situationen nachzugeben. In gewissen Situationen den Kopf einfach auszuschalten, schwarz vor Augen werden zu lassen und nicht niedersinken, sondern zulassen.

Einzugestehen.

Auch so kann man nah bei sich selbst sein. Gefühle zulassen – auch wenn sie im ersten Moment Bauschmerzen und Angst verursachen. Auch das ist Mut – finde ich. Akzeptieren.

Ich schließe die Haustüre hinter mir zwei Mal ab, lasse die Rollos hinunter und inmitten einem goldfarbenen Lichtermeer aus Kerzen bin ich weg. Vielleicht traurig, ja, aber ganz nah bei mir. Jetzt da ich Zulasse, mich auf den Moment, auf mein reines Gefühl einlasse. Intensive Zeit mit sich selbst. Herausfinden wer man ist, was man möchte. An manchen Tagen verbringt man seine Zeit nun mal damit nachzudenken. Die Welt um sich herum auszuschalten, und die Gefühlswelt anzuschalten. Auch das bringt dich weiter und wird rückblickend Mut einkehren lassen.

Nachtrag: 29. 10. 2016

Nach einigen Stunden in der kalten Luft, kehre ich nach Hause und biege in die Einfahrt zu meinem Wohnhaus ab. Die Luft ist grau, verhangen mit Regennebel und ich spüre, wie ich meine Finger vor Kälte kaum bewegen kann. Schnell rein in meine warme, helle und geliebte Wohnung. Doch noch während ich nach meinem Schlüssel suche,  packt da etwas meinen Blick. Weg vom dunklen Himmel hinunter zu dem Knistern an meinen Füßen.

Da sind sie wieder, gelb leuchtend und tausendfach: die Ahornblätter.

Ich gehe in mich und ja, ich lächle, denn das ist ein Zeichen. Sie begleiten mich auf meinen Wegen durch die Stadt Tag für Tag und sind wie ein vertrauter Begleiter. Stets an meiner Seite, um mir Geborgenheit zu symbolisieren und mich daran zu erinnern, genau wie vor einem Jahr, als ich den ersten Fuß auf die Straße in Hamburg setzte, stark zu bleiben. Sie stehen für Schutz und schützen auch mich seit Tagen in gewisser Weise vor schlechten Gedanken und Gefühlen und vor allem davor, mich in ihnen zu verlieren.

Vor der Haustüre angekommen, schließe ich lächelnd gedankenverloren die Türe auf, da sitzt in der Tat ein Marienkäfer auf der Glasscheibe der Tür. Und da las ich doch noch vor wenigen Tagen folgende Zeilen:

Der Marienkäfer – Verspielte Leichtigkeit

Der Marienkäfer deutet auf eine Zeit hin, die von Leichtigkeit und Glück bestimmt wird. Er kann Sie sicher dort hin begleiten. Es geht darum, sich an unbeschwerte, leichte Zeiten zu erinnern und in diese Kraft zurückzukehren.

 

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