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Stellschrauben des Erwachsen-Seins

Und zwischen den lauten Straßengeräuschen inmitten der grau-verregneten Stadt versuchte ich mit der schweren Einkaufstüte über dem Unterarm hektisch meine sich mittlerweile wieder unendlich stapelnden Kassenbelege sicher zu verstauen – begleitet von den aufflammenden Gedanken, mich noch um die Steuer zu kümmern, meine Order zu beschriften. Den seit Tagen umherliegenden Umschlag zu versenden und überhaupt endlich mal Ordnung in mein aktuelles Leben zu bringen. Dabei bin ich doch immer so strukturiert.

Doch vielleicht war ich aktuell so strukturiert, dass ich schon wieder den Überblick verloren hatte.

Selbst nachdem die erklungene Haustüre ins Schloss gefallen ist, so suchen sich diese unerledigten Aufgaben ihren Weg durch das Schlüsselloch und steigen an der Decke meiner Wohnung empor. Wie Nebelschwaden an einem eiskalten Herbstmorgen. Unbekümmert verräume ich die Einkäufe unter dem kahlen Kühlschranklicht und mit einem knurren im Magen und meinem sich bereits auflösenden Zopf suche ich nicht nach einer anderen Stimme oder den Hausschuhen, sondern:

meiner Eigenmotivation.

Es schien mir, als überdeckte das Rauschen anderer Meinungen mein zu Hause, suchte sich seinen Weg bis zu meinen Haarspitzen und selbst das Hineinschlüpfen in meinen Lieblingspullover konnte ich sie nicht abstreifen. 

Wie und Wo finde ich eine Möglichkeit, zu hören, was wirklich in mir vorgeht?

Ein wenig müde vom nahen Kontakt mit stetigen Erwartungen Anderer, ließ ich mich auf meiner Couch nieder und war nicht allein: lautes Geplänkel, flüsternde Stimmen – ein reger Austausch der „Meinung der Anderen“ und dem unsichtbaren und doch so schwerwiegenden inneren Kritiker. 

Das was du machst, ist toll. Doch es ist nicht genug. Das geht noch besser. 

Die Kritik der letzten Wochen zerrte an meinen Kräften. Wohlgemerkt die Kritik, die ich mir selbst auferlegte. Das Strenge Sein mit mir selbst. Ich konnte laufen. Schneller, als manch ein Anderer. Doch was mich nun hier in diesem Moment wirklich in die Knie zwang, war die äußerliche, als auch innerliche stetige Konfrontation meines Selbstbildes vernetzt mit Beruf, Sport, Umfeld.

Mit welchem Bein stehe ich als erstes wieder auf? Oder beginne meinen neuen Wegabschnitt? Ich habe keinen blassen Schimmer, weder gestern noch heute. Nur eines kann ich definieren: das Gefühl, welches mir wie ein Kloß im Hals sitzt und nicht so richtig hinunterrutschen möchte, wie ich es mir wünsche. Erarbeite. Erhoffe.

Ein kratziges, leicht brennendes Problem, welches ich im nächsten Moment als Lösungsansatz mit einem großen Glas Wasser hinunterspülen wollte. Doch was ist eigentlich das, ein Problem? Ich meine, egal ob im Dialog mit der besten Freundin oder einer Auseinandersetzung mit dem Kollegen: wie oft hechten wir der erlösenden Lösung hinterher, ohne zu verstehen, was das Problem eigentlich ist? 

Dann ist mein wohlmöglich ein Lösungsfinder, ein besonders guter, doch der Grundkern des Übeltäters, des Problems, ist oftmals nicht verstanden. „Koordinierter Lösungsprozess“ klingt zusätzlich zum Problem nochmals wie die kompliziertere Variante, doch im Grunde genommen genau der Kurs, welcher den Wind vielleicht aus den Segeln nimmt, die wärmenden Sonnenstrahlen wieder an mein Herz lässt und das eigene Lächeln mit Zuversicht und einem Hauch Leichtigkeit erklingen lässt:

Probleme, schwierige Tage. Was macht man mit ihnen? Hält man sie aus, bis der Schmerz nachlässt? Schreibt man sie auf und findet Antworten in den einzelnen Wortbestandteilen? Geht man mit ihnen spazieren oder gar einfach über sie hinweg? 

Da lernt man sich seit Kindesalter zu behaupten vor Vorgesetzten, Steinen im eigenen Weg, bewahrt seit Jahren das hart umkämpfte Abiturzeugnis im Schrank auf, doch weiß als Erwachsener Mensch manchmal nicht, wie man die täglichen Herausforderungen des Lebens mit welchem Werkzeug nachjustieren kann. Welche Schraube man nun sprichwörtlich als Erstes verstellt oder ob man sie nicht auch einfach so wie sie ist lassen kann, ohne dass das eigene Lebenskonstrukt zerfällt.

Die Frage ist nun, was mache ich mit diesem Kloß im Hals? Diesen „schlechten Tagen“ diesem kratzendem Problem? 

Nun, ich habe mich zumindest heute nach dem Verfassen meines Eintrages dazu entschieden, sie einfach mal im Raum stehen zu lassen. Ihnen Luft zu verschaffen. Zu akzeptieren, dass sie da sind und wenn ich die Perspektive einmal wechsle, vielleicht auch gar nicht mehr so sehr zu erkennen sind …

2 Replies to “Stellschrauben des Erwachsen-Seins”

  1. Liebe Karolin,
    ich liebe deine Texte.
    I’m drowning in my thoughts too.
    Aber vielleicht sollte ich es auch einfach mal im Raum stehen lassen. Nur manchmal bin ich so fokussiert darauf, eine Problemlösung zu finden, dass ich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehe und das Kratzen nicht nachlässt.
    Falls du neue Erkenntnisse hast, dann freue ich mich sehr, davon zu lesen.
    Allerherzlichste Grüße
    Greta

  2. Liebe Karolin,
    I’m drowning in my thoughts too.
    ich kenne das Gefühl sehr gut. Zur Zeit hab ich auch ein großes Kratzen. Aber was macht man, wenn das Kratzen nicht verschwinden will?
    Falls du neue Erkenntnisse hast, würde ich mich freuen, wenn du sie mit uns teilst.
    Allerliebste Grüße!

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